Ursachen der Jobmisere

DIE URSACHEN DER JOBMISERE

WAZ 24.02.2006 / POLITIK / MANTEL


Wie schwer das Erbe wiegt

Die Arbeitsmarktforscher des IAB fassen den Strukturwandel in Zahlen. Und kommen zu dem Ergebnis, dass jede Stadt andere Sorgen hat, Städte im Revier aber besonders viele.

Von Stefan Schulte
Essen.Dass die Menschen im Ruhrgebiet noch immer am Wegbruch der alten Industrie und am grauen Image ihrer Region zu tragen haben, ist alles andere als neu. Wie schwer dieses Erbe wiegt, lässt sich aber nicht so leicht beziffern. Genau das hat nun das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) getan. Die IAB-Regionalstelle Düsseldorf hat für jeden einzelnen Kreis in NRW untersucht, wie sich die Beschäftigungsentwicklung erklären lässt.

Das Ruhrgebiet verlor im Untersuchungszeitraum 1993 bis 2001 pro Jahr durchschnittlich 1,19 Prozent sozialversicherungspflichtige Jobs und damit dreimal so viele wie NRW im Durchschnitt (-0,37%). Dafür ist zu einem großen Teil der unvollendete Strukturwandel verantwortlich. So hat der ungünstige Branchenmix im Revier einen negativen Beschäftigungseffekt von 0,27 Prozent, für ein Minus von 0,21 Prozent ist die Überrepräsentanz von Großbetrieben verantwortlich, die häufig Rationalisierungen mit Personalabbau verbinden.

Aber: "Daneben gibt es besonders im Ruhrgebiet starke Einflüsse, die von den Städten selbst ausgehen", sagt Frank Bauer, Mitautor der Studie. Zu diesem so genannten Standorteffekt zählt alles, was eine Stadt für Investoren attraktiv oder unattraktiv macht. Die in Großstädten generell ungünstige Siedlungsstruktur spielt im hoch verdichteten Revier eine große Rolle, auch das vielerorts unschöne Wohnumfeld, die Überalterung und die sozialen Brennpunkte gerade in nördlichen Stadtteilen.

In Gelsenkirchen ergeben diese Faktoren ein Negativ-Image der Stadt, dessen Auswirkung das IAB mit einem Beschäftigungsverlust von 2,2 Prozent im Vergleich zum westdeutschen Durchschnitt beziffert. In anderen Revierstädten hebt der Standorteffekt positive Entwicklungen auf. So ist der Strukturwandel in Essen und Dortmund vergleichsweise weit fortgeschritten. Vor allem im Dienstleistungssektor entstehen hier neue Jobs. Dennoch weisen auch diese Städte Standort-Nachteile (Dortmund: -1,25%, Essen: -0,6%) auf, die unterm Strich zu Beschäftigungsverlusten führen.

Wichtig ist den Autoren der Studie besonders, dass die Beschäftigungslage in jeder Stadt anders zu erklären ist. Aus diesem Grund hat die Nürnberger IAB-Zentrale diese feingliedrigen Länderanalysen überhaupt erst gestartet. "Die Arbeitsmarktpolitik müsste viel mehr regionalisiert werden. Das Gießkannenprinzip geht an den Symptomen vorbei", sagt Frank Bauer.

Selbst innerhalb des Ruhrgebiets sind die Unterschiede enorm. So ist der Branchenmix in Essen sogar überdurchschnittlich gut. Im westdeutschen Vergleich überproportional vertreten sind viele Branchen mit positivem Beschäftigungseffekt, darunter Wirtschafts-, Gesellschafts- und Freizeit-Dienstleistungen sowie Gesundheits- und Sozialdienste und Verkehr. Was fehlt, und damit wären auch die Potenziale benannt, sind Jobs etwa im Gastgewerbe und dem Versicherungswesen.

Duisburg dagegen liegt nur beim Verkehr und den gesellschaftsbezogenen Dienstleistungen über Durchschnitt. Dagegen sind die für die Beschäftigung wichtigen Branchen Gastgewerbe, Gesundheits- und Sozialwesen, wirtschafts- und freizeitbezogene Dienstleistungen sowie Kredit- und Versicherungswesen unterrepräsentiert.

Relativ geringen Einfluss auf die Beschäftigung hat im Ruhrgebiet die Qualifikation der Menschen. Dass sie im Durchschnitt liegt, ist aber ein eher negatives Zeichen, denn mit seinen vielen Universitäten müsste das Revier hier eigentlich besser abschneiden. Doch viele hier ausgebildete Akademiker arbeiten anschließend außerhalb des Ruhrgebiets. Nötig wäre deshalb eine bessere Vernetzung zwischen Unis und Wirtschaft. In Dortmund gibt es dafür gute Ansätze, das Vorbild aber heißt Paderborn. Die dortige Uni versteht sich als "Universität der Informationsgesellschaft", setzt konsequent auf anwendungsorientierte Forschung und kooperiert eng mit der IT-Industrie. Mittlerweile arbeitet in Paderborn jeder Zehnte in der IT-Branche.


Hilfen für die Politik

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) sitzt in Nürnberg und ist der Bundesagentur für Arbeit (BA) angegliedert. Vor rund einem Jahr begann das IAB damit, Mitarbeiter in den Regionaldirektionen der BA anzusiedeln. In Düsseldorf sind dies Elke Amend und Frank Bauer. Ziel ist es, auf der Basis des Datenmaterials aus der Nürnberger Zentrale regionale Erkenntnisse zu ziehen. Damit sollen der Politik Berichte an die Hand gegeben werden, die eine gezieltere, auf die Bedürfnisse der einzelnen Kreise zugeschnittene Förderpolitik ermöglichen sollen.

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